Staatliche Realschule Viechtach

Fit fürs Leben

Hautnah erleben

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Immer wieder hört man von benachteiligten Menschen in Entwicklungsländern. Einen direkten Bezug zu ihnen und ihren traurigen Schicksalen haben die meisten jedoch nicht. Die Schüler der achten bis zehnten Klassen der Staatlichen Realschule Viechtach hatten in der letzten Woche die Möglichkeit, hinter die Fassade zu blicken. Sie durften nämlich an der interaktiven Ausstellung von „missio for life“ teilnehmen. Dabei wurden unseren Schülern die Geschichten von drei jungen Menschen aus Indien, den Philippinen und Tansania nähergebracht. Religionslehrerin Gabriele Atzinger hat „missio for life“ seit 2013 alle drei Jahre nach Viechtach gebracht. Ihr sei es besonders wichtig, dass jede Schülergeneration wenigstens einmal die Geschichten der Protagonisten erleben kann und damit einen Einblick in ihre traurige Realität erhält.

Christian Homey, pädagogischer Mitarbeiter von „missio for life“, erklärte nicht nur, wie die verschiedenen Stationen, die man mithilfe eines Tablets abarbeiten konnte, abliefen, sondern er erzählte auch von Missio selbst. Dieses Bildungsprogramm aus München unterstützt hilfsbedürftige Menschen in benachteiligten Ländern – wie eben den Philippinen, Tansania oder Indien – in Form von Zufluchtsmöglichkeiten wie Frauenhäusern oder Jugendheimen. Wie sinnvoll und notwendig diese Maßnahmen eigentlich sind, erfuhren die Schülerinnen und Schüler in den Workshops. Sie erlebten hautnah die Schicksale von einem Straßenjungen in Manila, der philippinischen Hauptstadt, einem indischen Mädchen, das fast von der Schwiegermutter umgebracht wurde und einem nach einem Unfall behinderten Jungen in Tansania. Diese Geschichten erzählen alle die Schicksale realer Personen, die alle von Missio unterstützt wurden.

Bei jedem der Workshops mussten die Jugendlichen Aufgaben während einer vorgegeben Zeit lösen. So fassten manche bei der Ausstellung rund um den philippinischen Straßenjungen Paulo in einem aufgebauten „Müllhaufen“ in eine tote Ratte oder versuchten auf einem Spiel am Tablet, möglichst viele Wertgegenstände in einer Luxusmall zu klauen, bis der Protagonist schließlich doch im Gefängnis landete. Dabei wurde gezeigt, wie die Zustände dort sind und wie es jugendlichen Tätern, die für kleine Straftaten viel zu viel Zeit absitzen müssen, dort ergeht. Paulo, der wie viele andere Jugendlichen in dem Land – statt zur Schule zu gehen – ums Überleben kämpfen musste, wurde von PREDA, einer Hilfsorganisation, die mit Missio zusammenarbeitet, schließlich aus dem Gefängnis befreit. Ebenfalls gerettet wurde Renu aus Indien. Für sie mussten die Schülerinnen und Schüler eine Mitgift „zusammenstellen“ und stellten überrascht, wenn nicht sogar schockiert, fest, wie hoch diese eigentlich sein muss. Auch der harte Ehealltag erschreckte die Ausstellungsbesucher, von den hohen Ansprüchen des Ehemanns, den sie erst bei der Hochzeit selbst kennengelernt hatte, und der Schwiegermutter bis hin zu Konsequenzen, wenn letzterer das gekochte Lammcurry nicht ganz passt. Renu wurde nämlich von ihrer Schwiegermutter beinahe umgebracht, was für die Familie eine weitere Mitgift bedeutet hätte, wenn der Sohn mit einer anderen Frau verheiratet worden wäre. Renu wurde schließlich, nachdem sie bei diesem Mordanschlag schwerste Brandverletzungen erlitten hatte, in ein Frauenhaus gebracht. Mithilfe eines Virtual-Reality-Helms konnten die Schülerinnen und Schüler wortwörtlich hautnah das Schicksal von Geoffrey aus Tansania verfolgen – von seinem Motorradunfall, nach dem er komplett gelähmt war, über die abweisende Reaktion seiner Mutter bis hin zu dem Punkt, an dem ihm durch das „Simama“-Projekt, was so viel wie „Steh auf“ bedeutet, geholfen wurde.

In einem Resümee mit Christian Homey konnten die Schülerinnen und Schüler ihre Gedanken zu dem „Erlebten“ teilen. Die interaktive Ausstellung hatte definitiv ihren Eindruck hinterlassen; es sei besonders unglaublich, dass Gleichaltrige in anderen Ländern nicht normal zur Schule gingen, sondern teils zwangsverheiratet werden oder auf Mülldeponien um das Überleben kämpfen müssen. Christian Homey regte mit „missio for life“ an, sich auf jeden Fall mit den verschiedenen Themen auseinanderzusetzen. Er verglich im Gespräch mit den Schülern die Situation in Deutschland. Zwar wird hier für gewöhnlich keine absurd hohe Mitgift mit in die Ehe gegeben und es werden auch keine Schwiegertöchter wegen eines nicht perfekten Abendessens umgebracht, jedoch gab der Mitarbeiter von Missio zu bedenken, dass es doch die eine oder andere Ungerechtigkeit wie unterschiedliche Gehälter oder Preise gibt. Auch die anderen Themen konnten genauer vertieft werden und hinterließen einen bleibenden Eindruck bei den Schülerinnen und Schülern.

(G. Atzinger / C. Kayser)